Graphic Novels

Seit ewigen Zeiten fordern Comicfans, das ihr Lieblingsmedium ernst genommen wird. Sie versuchen anderen klar zu machen, das ein Comic nicht zwingend Kinderkram ist und anspruchsvolle Geschichten erzählen kann. Kein geistig gesunder Mensch, der mal zwei oder drei der etwas anspruchsvolleren Werke unvoreingenommen gelesen hat, würde dem widersprechen. Nun hat sich aber seit einigen Jahren der Begriff des Graphic Novels eingeschlichen.
Man tut so als wäre das ganz was neues und vor allem ganz anders als die üblichen Comics. Ich blätterte gerade im Werbeheft einer großen Buchhandlungskette und las einen Artikel darüber. Ständig wurde betont, es handele sich hier um Romane. Nur eben mit Bildern. Es sind aber auf keinen Fall Comics. Davon muss man sich offenbar distanzieren. Man betont, wie hochwertig verarbeitet und dekorativ sie sind. Kein Schund für Kinder, sowas kann sich in jedem Erwachsenenhaushalt sehen lassen!
Aber ist das tatsächlich was anderes als ein normaler Comic? In den USA hat sich der Begriff wohl eingebürgert, um einen unterschied zu den üblichen monatlichen Heftserien zu schaffen. Hier hat man eher eine abgeschlossene Geschichte, in einem Buch. Aber die Erzähl- und Darstellungsweise ist eigentlich nicht weiter anders und je nach Land gibt es sowieso andere Erscheinungsformen für Comics. In den USA mag diese Differenzierung also Sinn ergeben, woanders finde ich es eher überflüssig. Aber natürlich klingt es gleich viel anspruchsvoller. Und da sind wir beim zweiten Punkt, in dem sie sich von den Heftserien abheben sollen: sie erzählen wohl anspruchsvollere Geschichten.
Aber wie gesagt, in anderen Ländern sind die Form, in der Comics erscheinen, als auch die Zielgruppen, Inhalte und Erzählweisen anders. In den USA mag es ja sein, das sich die Mehrzahl der Comics an Jugendliche und Kinder richtet. Schaut man sich aber z.B. den Mangamarkt in Japan an, werden da schon seit langem alle denkbaren Alters- und Zielgruppen bedient und mir ist bisher keine Unterscheidung in Comics und Graphic Novels untergekommen.
Nun sind wir aber in Deutschland, Comics haben den Ruf von Schund für kleine Kinder und man möchte dem durchschnittlichen Erwachsenen klar machen, das es noch anderes gibt. Also importiert man die lustige Unterscheidung zwischen Schund und Literatur aus Amerika und tut so als wäre das ganz was tolles. Angepriesen werden dann Werke wie Maus oder Watchmen, die es seit Jahrzehnten zu kaufen gibt, die aber früher den Normalleser nicht interessierten und nun plötzlich interessieren sollen.
Auf der einen Seite ist es natürlich toll, das sowas ernster genommen wird, auf der anderen ist es unfassbar peinlich, wie man einige wenige Werke herauspickt, sie zur „echten“ Literatur erhebt und dadurch die Übrigen noch weiter in den Dreck stampft, anstatt eben anhand anspruchsvoller Werke das ganze Medium im allgemeinen Ansehen zu fördern. Man sagt eben lieber „Hier, die sind gut. Auf die Anderen können sie weiterhin herabsehen.“, anstatt „Sie finden Comics anspruchslos? Geben sie doch diesem hier eine Chance, der wird ihre Meinung ändern!“

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