Was ist hier eigentlich los?

Gute Frage. Viel ist und war los. Los ging es damit, das ich diesen ominösen Job bekam, für den ich mich selber nie beworben hatte und KABAUTZZZZ!!!! Da gings schon los. Quasi sofort von Hirano (平野) umgezogen ins schöne Wakaeiwata (若江岩田), damit unser komplette, liebes Gästehaus überrumpelt und mitten rein in die Schlacht. Die erste Woche hier, gabs noch nicht groß Arbeit aber ich musste noch ein paar Mal zurück ins alte Zimmer. Ordnung schaffen, Internet nutzen, Schlüssel abgeben usw., nebenbei noch der Job im Englischcafe (der gerade leider etwas unter dem vielen Stress leidet) und dann war ich auch schon wieder ausgelastet. Zwischendurch kam mit dem neuen Arbeitgeber eine kleine Reise ins Grüne. Ein wenig Kinder hüten, beim lernen Helfen (ja, die lernen auch auf Ausflügen, schlafen dafür umso weniger) und sonst auch mal ein wenig entspannen (schön heiß baden…). Kaum zurückgekommen gings ins Gästehaus, Abschiedsparty fürs Konkon (ein putziger Klischeekoreaner der immer „Ich hunger!“ schrie) und einen heiteren Russen, die beide wieder heim mussten. Hab dabei etwa einen halben Liter Shōchū getrunken… ich glaub so betrunken war ich noch nie… aber ich denke ich habe nicht zu viel Blödsinn angestellt (und mich bei den Betroffenen hoffentlich ausreichend entschuldigt). Der Rest der Woche wurde hier noch zum einleben verbraucht und am nächsten Montag gings dann auch schon mit der Arbeit los. Arbeit heißt in diesem Fall 1. Englischlehrer (größtenteils für Kinder) 2. Marketing (also Flyer verteilen und möglichst die Leute anhalten, damit unsere lieben japanischen Kollegen denen einen vom Pferd erzählen können) und 3. Barkeeper. Zur Schule gehören da wohl 3 Standorte, hier in der Gegend (einer 5 Minuten zu Fuß, die anderen beiden je 2 und 3 Stationen weiter, mit der Bahn) und ebenfalls hier direkt um die Ecke eben eine Bar.

An Kollegen haben wir vor allem den früher schon erwähnten Oh-No-San, der sich um so ziemlich alles kümmert und seine putzige Allzweckgehilfin, die gefühlte 28 Stunden am Tag arbeitet. Wenn sich der Herr dann mal um etwas nicht kümmern kann macht das eben seine Mutti, die auch schonmal meine neuen Lederschuhe mit einem Hammer bearbeitet, damit mir die Füße nicht mehr so weh tun. Dazu gibts noch den passenden Vati, der aber vorallem durch permanentes Husten und Kaffeebestellungen auffällt. Und als krönenden Abschluß: Kenny! Zaubernder Barkeeper und Nachwuchsnachhilfeschulenlehrer alberner Klops und eigentlich ein kleiner Junge (der ist wohl kaum über die 20 hinaus). Meine persönliche Lieblingsanweisung vom Boss ist dann auch immer „Follow the Kenny!“. Gibt noch einige andere aber mit denen hatte ich noch nicht so recht zu tun.

Arbeitsmäßig siehts dann wie folgt aus:

1. Marketing für die Schule:

Ich verteile Flyer und unsere Bürocheffin soll die Leute vollquatschen, hat aber so viel anderes zu tun, das sie die Hälfte der Zeit nicht da ist.

2. Marketing für die Bar:

Entweder stehe ich vor der Türe und begrüße einfach jeden, der vorbei kommt (in der Hoffnung das die Anwohner nach 2 Jahren endlich mal die Bar bemerken) oder aber ich ziehe mit Kenny los und verteile Flyer. Also ich verteile Flyer und er macht Gymnastikübungen, übt Zaubertricks oder hängt einfach nur durch.

3. Unterricht:

Die erste Woche war da eigentlich recht entspannt, da mussten fast alle erstmal Tests schreiben. Nur konnte die kaum einer, weil die meistens viel zu schwer waren. Meine persönlichen Highlights waren dann immer die Schreibversuche. Wenn dann der bedroom plötzlich beatroom heißt… (soll das jetzt eigentlich bedeuten, das da Menschen geschlagen werden oder gibts da die ganze Zeit fette Musik?) Weniger unterhaltsam war dann z.B. direkt meine erste Stunde, in der ich drei Zweijährige unterrichten sollte. Denn eine davon fehlte schonmal und ein anderer fing sofort an zu weinen, als er mich sah (der wurde diese Woche dann mit Auto und Eisenbahn bestochen, damit er sich rein traut). Auch später bei den älteren Kindern sind einige doch recht spezielle Fälle dabei. Die einen reden gar nicht, andere weinen nur noch, wenn sie einen Fehler machen und ein größter Fan klettert den ganzen Tag auf mir rum und will meine Arme streicheln. Haarige Tierchen streichelt man ja auch…

4. Bar:

Ja, was man eben so als Barkeeper macht. Drinks mixen, Geschirr spühlen, Essen machen, Kunden bespaßen, Dart spielen, viel trinken usw. Anweisungen vom Boss: wenn mich ein Kunde zum Dart spielen auffordert sollte ich das können, also muss ich üben. Wenn ein Kunde ein paar Getränke bestellt soll ich direkt fragen, ob er mir auch einen ausgibt. Weil Cocktails mixen im Moment noch etwas zu lange dauert darf ich den lieben Gästen unbedingt guten Jägermeister andrehen und selber brav Shōchū trinken. Ist schon interessant zu sehen wie einfach Menschen zu beeindrucken sind. Die meisten können nämlich kaum glauben, das so ein komischer Ausländer das Zeug mag. Im Zuge dessen hab ich dann auch noch mit dem Bier trinken angefangen. Gutes Kirin Braumeister, bevorzugt mit Vodka…

Problem bei der Sache war nur, das der gute Kenny irgendwann verloren ging. Ist einfach nicht mehr zur Arbeit gekommen und war nicht mehr zu erreichen. So hat sich meine Schicht direkt mal elend aufgebläht und plötzlich hieß es „Du musst möglichst sofort die Bar allein schmeißen können!“. Kenny ist zum Glück wieder aufgetaucht (so weit ich das verstanden hatte, war der arme Junge einfach nur überarbeitet) aber meine wöchentliche Arbeitszeit wurde erstmal 10 Stunden erhöht (das Gehalt wenigstens auch entsprechend) und so hatte ich neulich meine erste Nacht in der Bar. Kenny war auch da, hat vor allem Anweisungen gegeben. Das war aber auch bitter nötig weil der gute Herr Oh! No! einige seiner Freunde anrief, damit die vorbeikommen und mich trietzen. Besten Dank… So stand ich erstmal stundenlang vor der Bar und hab Werbung gemacht (ein Junge hat sogar mal angehalten und nach den Öffnungszeiten gefragt) und plötzlich war der Laden voll und ich sollte die alle bedienen! Irgendwann war also die Bande dann doch mal abgefrühstückt und wir hatten gerade das Bierfass abgebaut, da ging die Türe auf und der Junge von vorher kam noch mit drei Kunpels an und wollte dicke feiern. Die wurden dann auch richtig gut bedient (so gut das einer am nächsten Tag nochmal kam um sich die Rechnung erklären zu lassen, weil er wohl nciht fassen konnte, was er da an Geld verprasst hat) und irgendwann um 5 Uhr durften wir doch mal den Laden zu machen. Gut das Mutti wohl bescheit wusste und vorsorglich lecker Essen gekocht hat. Mit Festschmaus und Laden zu machen war ich dann wohl irgendwann so gegen 6 heim. War erst noch völlig überdreht und bin dann spontan beim chatten eingeschlafen (auch hier nochmal einen lieben Gruß an die Betroffene…). Und so werd ich dann jetzt wohl erstmal da zünftig eingearbeitet. Nächsten Mittwoch bin ich dann da wohl zum ersten Mal wirklich komplett allein. Das wird ein Spaß…

Und sonst gibts eigentlich nicht viel zu sagen. Stress ohne Ende und dann muss man sich hier und da noch mit mehr oder minder großen Kleinigkeiten und anderen Dingen rumschlagen und das ist alles enorm Nervenaufreibend und so manchen Abend könnt ich nur noch schreien aber irgendwie machts Spaß. Und wenn endlich mal diese ekelige Einarbeitungsphase vorbei und das alles einigermaßen läuft, wie es soll, dann wird das sicherlich alles noch spaßiger.

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2 Antworten zu Was ist hier eigentlich los?

  1. Henry schreibt:

    Toller Bericht! Dann hau mal rein du Wirt du weist ja wer nichts wird wird….!
    Und du hast Kinder die auf dir Rumkrabbeln was giebts besseres.
    Schön das sich was tut. Müssen bald mal quatschen

    bis denne

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